Monday, 29. January 2007

Wanderlust - Tiefseefauna unter dem Antarktischen Schelfeis gefunden

Autor: Julian Gutt

Unter dem ehemaligen Larsen-Schelfeis im Osten der Antarktischen Halbinsel sind Tiefsee-Seegurken und gestielte Haarsterne in flachem Wasser häufig. Sonst gibt es sie nur in viel größeren Wassertiefen.

Seegurken (Foto: J. Gutt)

Seegurken (Foto: J. Gutt)

 

Das Kernziel der derzeitigen Antarktis-Expedition der Polarstern ist die Erforschung des Ökosystems unter dem ehemaligen Larsen-Schelfeis. Dieser weiße Fleck in der Biodiversitätsforschung hatte zuvor folgende Fragen aufgeworfen: Was für eine Leben gibt es überhaupt unter dem ehemalig hunderte Meter dicken schwimmenden Schelfeis? Wie wird die Zukunft nach dem Kollabieren des Schelfeises aussehen? Unter dem erst vor drei Jahren aufgebrochenen Larsen B Gebietes gibt es die sonst in der Antarktis so reichhaltigen Lebensgemeinschaften offensichtlich nicht, die durch am Boden verankerte Schwämme, Nessel- und Moostierchen geprägt sind. Statt dessen zeigen Unterwasservideos und Netzfänge eine ganz einzigartige Vorherrschaft von typischen Tiefseetieren und entsprechenden Lebensformen. Hierzu gehören in erster Linie die zu den Stachelhäutern gehörenden Seegurken und gestielte Haarsterne. Letztere sind in diesem Sektor der Antarktis bisher nur sporadisch und dann fast nur in Wassertiefen unter 800m gefunden worden. Hier im Larsen B Gebiet sind sie gebietsweise aber schon bei 200 m Tiefe nicht selten. "Die zwei häufigsten Seegurkenarten habe ich während meiner insgesamt neun Expeditionen nur ein einziges Mal gesehen und das war direkt vor dem viel weiter südlich gelegenen und viel größeren Filchner-Rönne-Schelfeis." Damit erinnert sich der wissenschaftliche Fahrtleiter der Expedition, Julian Gutt, an seine erste Antarktis-Expedition und das Thema seiner Doktorarbeit von 21 Jahren. Diese ersten vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass es in Verbindung mit dem Schelfeis eine ganz einzigartige Makrofauna gibt. Die Seegurke Elpidia ist vielleicht das prominenteste Tier der Tiefsee schlechthin, kommt aber auch im Nordpolarmeer in sehr flachem Wasser vor. Vielleicht trägt sie daher schon immer den Beinamen glacialis (die "Eisige"), der sich nun auch für die Antarktis in besonderer Weise bestätigt. Diese Art, ihre größere "Schwester" Scotoplanes globosa und weitere Verwandte ernähren sich als sogenannte "Weidegänger". In besonders ruhigen Gewässern sinken einzelligen Algen in Massen zum Meeresboden, wo diese dann von sogenannten „Seegurkenherden" abgegrast werden.  Der Ozeanologe Enrique Isla freut sich schon auf die weiteren Datenanalysen im Meeresforschungsinstitut in Barcelona: "Unsere Messungen der Umweltparameter im Sediment und im Wasser werden zu der Beantwortung der Frage beitragen, warum es eine solche Ähnlichkeit zwischen der Tiefseebesiedlung und der unter dem ehemaligen Schelfeis gibt." Wissenschaftler dieser Expedition treffen sich im Herbst in Barcelona, um eine Synthese der verschiedenen Ergebnisse zu den verschiedenen Ökosystemkomponenten zu erstellen. Der Workshop wird vom dortigen Meeresforschungsinstitut ausgerichtet und vom "Census of Antarctic Marine Life" unterstützt. "Wenn wir eine Vorstellung davon haben, wie das Ökosystem unter dem Schelfeis funktioniert, können wir auch Prognosen für die Lebensvielfalt am Meeresboden bei anhaltender atmosphärischer Erwärmung wagen" blickt der Meeresökologe Julian Gutt in die Zukunft.

 

 

 

 

Mehr zu "Census of Antarctic Marine Life"....

 

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