Friday, 14. September 2007

Zum Nordpol auf einer Eisscholle: Erhöhtes Risiko

Autor: Jürgen Graeser

Jürgen Graeser bei der Arbeit

Eislandschaft

Jürgen Graeser mit Eisbrecher "Rossija" im Hintergrund

Eine weitere Woche ist nun wieder ins Land, oder hier besser, ins Eis, gegangen. Es ist immer noch löslicher Kaffee da, zu dem sich in gleicher Form noch Espresso und Capuccino aus meinen Expeditionscontainern gesellt haben.

 

Nach nunmehr mehr als zweiwöchiger Fahrt, gestaltet sich der Aufenthalt auf dem Schiff doch zunehmend eintöniger. Zum Ende der letzten Woche gab es dennoch noch einige Turbulenzen. Die Eissituation hat sich in der vergangenen Woche nicht wirklich verbessert. Dies löste offenbar einige Nervosität aus. Die Fahrtleitung der Expedition war, zumindest zeitweise, zu einem erhöhten Risiko bereit. Es wurde die Frage an mich herangetragen, inwieweit das AWI und ich bereit sind, dieses Risiko mitzutragen. Erhöhtes Risiko heißt in diesem Falle, es wird eine weniger geeignete Scholle ausgesucht und der Verlust von, zumindest Teilen, der Ausrüstung in Kauf genommen. Ich persönlich bin zu reichlich Risiko bereit, solange es mir nicht ans Leder geht. Und dies wird mit Sicherheit bei einer solchen Expedition nicht der Fall sein. Dennoch war eine Rücksprache mit meinen Vorgesetzten erforderlich. Geht es hier doch um nicht unerhebliche Sachwerte. Die Situation hat sich dann insofern geklärt, dass der Stationsleiter, der tatsächlich die volle Verantwortung trägt, nicht bereit ist irgendwelche unkalkulierbaren Risiken einzugehen. Sehr beruhigend für mich dies zu wissen. Zudem…  haben mir meine russischen Kollegen noch am gleichen Abend ein Video der NP-33 Driftstation gezeigt. Selbige ist ja im Sommer 2004 auch mehr oder weniger untergegangen. Was die Bilder mir jedoch gezeigt haben, ist dass die russischen Kollegen durchaus mit einer solchen Situation umgehen können. Einige Teilnehmer der damaligen Exedition sind nun auch wieder mit von der Partie. Nachdem sie den schnellen Untergang einer weiteren Station (SummerCamp), gerade vor ein paar Wochen, mitgemacht haben… So denke ich, dass nicht wirklich Grund zu ernster Sorge besteht. Und ist es doch gut, so erfahrene Mitstreiter an seiner Seite zu wissen.

 

Die zum Ende letzter Woche hin zunehmende Aussicht, bald eine Scholle für die Station zu haben, hat mich in weiser Voraussicht mal meine Container aufmachen lassen. Konnte ich doch so feststellen, dass die Container ein wenig ungünstig beladen waren. Das heißt, die Lasten waren sehr ungleichmäßig verteilt. Allerdings sind zu schwere Container nicht gut für einen Helikoptertransport geeignet. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wird der größte Teil der Fracht für die Station per Helikopter aufs Eis gebracht. So machte ich mich mit Hilfe einiger meiner russischen Kollegen daran, die Kisten in den Containern ein wenig umzustauen, und die Lasten gleichmäßiger zu verteilen. Was anschließend den nützlichen Nebeneffekt hatte, dass ich, zumindest an Teile, meiner Lebensmittel- und Getränkevorräte heran komme. Dies ist in Anbetracht der langen Reise nun auch nötig. Gehen doch meine, von St. Petersburg mitgebrachten, Vorräte ihrem Ende entgegen. Ich sollte vielleicht erwähnen, dass im Gegensatz zu anderem mir bekannten Schiffen, es hier nicht möglich ist zusätzlich irgendwelche Dinge, wie z.B. Wasser, Juice, Bier u.s.w. käuflich oder anderweitig zu erwerben. Es gibt nur das, was es zu den Mahlzeiten gibt. Und damit hat es sich dann auch. Im Wesentlichen… Mittwoch ist "Geschenketag"… Da gibt es zusätzlich zum Nachmittagsessen (das ist üblicherweise KEIN Kuchen!) noch was zum Mitnehmen. Dies waren bisher jeweils am Mittwoch, 1L Fruchtsacht im Tetrapack, 1 Glas Instantkaffee und letztlich 1L Milch. Ich sehe es gelassen, kann ich doch nun ein wenig "zubuttern"…

 

Schlussendlich, was für mich sehr bemerkenswert ist, wir erreichen am 12.09.2007 am Nachmittag den 89. Breitengrad. Das sind nur noch 111km Entfernung bis zum Nordpol und für mich der absolute Rekord der nördlichsten Breite, die ich je erreicht habe. Na, wenn das nichts ist! Wir kreisen noch mal schnell um den halben Erdball, was ja in dieser hohen Breite sehr einfach ist, und auch sehr schnell geht…

 

Und wie so oft, geht es kurz vor dem Wochenende am turbulentesten zu. Und es sind wenig erfreuliche Nachrichten, die mich bei unserem morgendlichen Meeting erreichen. Wenn nicht innerhalb der nächsten zwei Tage eine geeignete Scholle gefunden werden kann, dann wird die Drifteisexpedition so nicht stattfinden. Aus der Driftstation wird dann nur noch ein kleines Observatorium auf einer Insel des Severnaja Semlja Archipels. Das wäre sehr bitter. Würden doch nicht alle Projekte der Expedition realisiert werden können. Zum anderen, wäre dies wohl fast generell das Ende der Ära der Driftstationen. Und womöglich auch das Ende dieses Blogs…

 

Nächste Woche wissen wir dann alle mehr…

 

Fotos: Jürgen Graeser


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