Über Bord geworfen!
Noch in der Sicherheitsbelehrung gestern wurden wir belehrt, dass absolut nichts über Bord geworfen werden darf. Heute haben wir dann doch etwas „über Bord geworfen …“
Bereits kurz nach 4:00 Uhr früh treffe ich mich mit meinen beiden Wissenschaftlers des AWI auf dem Arbeitsdeck, um die letzten Handgriffe zum Aussetzen des PIES zu erledigen. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Das Meer ist schwarz, wie auch der Himmel. Ein merkwürdiger Blick von Bord.
Die Funktionstüchtigkeit wird noch einmal überprüft. Sendet der Sensor seine Pings alle 10 Minuten? Wann genau tut er dies? Die genaue Zeit wird notiert, um in zwei Jahren beim Wiederfinden mit dem Hubschrauber nicht unnötig über der möglichen Position warten zu müssen. Dann werden die Halteleinen der Eisengewichte gelöst. Sie sollen den PIES möglichst schnell an der Abwurfposition zum Ozeanboden in etwa 4800m Tiefe ziehen. Noch ist etwas fast eine ganze Stunde Zeit, bis wir die geplante Position erreicht haben und wir warten auf das Kommando der Brücke. Bei 39°12.75´S und 11°20.07´E ist es dann soweit. Zusätzlich wird noch eine weitere Boje als Transponder mit dem PIES verbunden, um den PIES zur Bergung wieder zu finden. Diese Boje schwebt an einem etwa 50 m langen Seil über dem PIES und wird in etwa zwei Jahren mit ihm geborgen. Ein Kran hebt die schwere Eisenkonstruktion über Bord, niemand darf sich in den Leinen verheddern!
Sobald die Wasserlinie erreicht ist, wird der Haken gelöst und der PIES versinkt im Meer. So spektakulär war die Aktion nun nicht, aber die eigentliche Forschung findet ja auch erst in zwei Jahren ihren Fortgang, wenn die gesammelten Daten ausgelesen und für Modelle von Meeresströmungen verarbeitet werden.
„Das Wetter“ im Morgenmeeting sagt stärkere Bewölkung und gemäßigte See mit zunehmendem Wind und Wellengang von etwa 3-4m vorher. Also nichts Dramatisches. Unsere erste Aufgabe am Vormittag ist es, eine GPS-genaue Uhr zu installieren. Schließlich weicht die UTC-Zeit der Schiffsuhren wegen der eingefügten Schaltsekunden um etwa 14 Sekunden von der GPS-Zeit ab! (Mal ein neuer Grund für eine Verspätung.) Die konkreten Schwierigkeiten vor Ort sind ganz anderer Art. Wie bekommt man die Antennenleitung von der Antenne, die wir auf dem Peildeck anbringen, bis zur GPS-Uhr durch den Kabelkanal? Die Lösung ist dann ein Staubsaugerschlauch, den wir samt Leitung durch den Kabelkanal schieben. Gerade in dieser wissenschaftlichen Umgebung sind zum Teil technisch kreative Lösungen gefragt. Für die Befestigung der Antenne hole ich dann doch schon meine warme orangene AWI-Jacke heraus. Der Wind bläst stark und es nieselt etwas. So fühle ich mich ganz zünftig.
Am Nachmittag beginnen wir dann mit den Vorbereitungen für die nächste Station, an der am 10.12. der nächste PIES abgesetzt werden soll. Diesmal erlebe ich von Anfang an, wie die Boje mit dem Messeuipment vorbereitet wird. Am Computer werden die Kommandocodes ausgelesen, in ein Modem zum Auslösen eingegeben und die ordnungsgemäße Funktion überprüft. Dieser PIES wird darüber hinaus noch in Verbindung mit zwei so genannten Pop-Ups ausgesetzt, die mittels eine Infrarotschnittstelle die Daten des PIES auslesen und speichern und im Abstand von 8 Monaten selbständig zur Oberfläche kommen, um die Daten, quasi als Zwischenbericht, an den IRIDIUM-Satelliten zu senden. Diese werden wir jedoch erst morgen ausprobieren.
Am Abend gib es dann den ersten wissenschaftlichen Vortrag. Es ist üblich, dass die verschiedenen Gruppen über ihre Projekte berichten. Annekathrin, eine Doktorandin vom GKSS Forschungszentrum Geesthacht, trägt über polyfluorierte Substanzen, so genannte Superchemikalien, vor. Wie super sind sie wirklich? Hierbei handelt es sich lange Kohlenstoffketten, die fast vollständig von Fluoratomen umgeben sind und einzigartige Eigenschaften haben. Diese Verbindungen sind z.B. im Teflon enthalten oder werden zur Oberflächenbehandlung von z.B. Outdoorbekleidung, aber auch anderen Textilien, Polstermöbeln oder zur Papierbeschichtung, benutzt, weil sie gleichzeitig wasser- und schmutzabweisend sind. Außerdem sind sie aber besonders langlebig, krebserregend und sie reichern sich durch Bioakkumulation bzw. Biomagnifikation in der Nahrungskette an. Mit Hilfe von Luft- und Wasserproben wird ihre Konzentration gemessen, um mehr über ihre Verbreitungsmechanismen, insbesondere über deren Auftreten in Tieren auf der Südhalbkugel zu erfahren, obwohl doch die Konzentration in der Nordhemisphäre viel höher ist.
Ich freue mich darauf, durch die nächsten Vorträge noch viele interessante Dinge zu erfahren!
Fotos: Helmke Schulze
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