Zum Nordpol auf einer Eisscholle: Internationaler Frauentag
Rasend schnell ist schon wieder eine Woche vergangen. Heute schreibe ich diesen Beitrag bei einer Tasse heißen Kaffees, in Gesellschaft meiner beiden Kollegen von der aerologischen Station. Der Stationsleiter hat sie „gezwungen“ meine Schlitten auszugraben. Da muss ich sie dann doch zumindest mit einer Tasse heißen Kaffees erwärmen. Wir haben immerhin -38 Grad Celsius auf der Strasse, wie die Russen so zu sagen pflegen.
Nach meinem letzten Bericht hat es erst mal wieder angefangen ordentlich zu stürmen. An sich ist das nichts Schlimmes, aber am vergangenen Wochenende eben schon, denn am 8. März war theoretisch Sonnenaufgang, und somit die Polarnacht offiziell zu Ende. Aber Sturm und Schnee machten eine Beobachtung des Sonnenaufgangs schlichtweg unmöglich. Gerne hätten wir alle beobachtet, wie sich die Sonnenscheibe zumindest zur Hälfte über den Horizont erhoben hat. Sehr schade! Das geplante Grillen musste so auch ausfallen und es gab das Schaschlik dann am Abend ganz profan aus der Backröhre. Allerdings gab es dazu Vodka und einige Schmankerl. Der aufmerksame Leser wird bestimmt gemerkt haben, dass es mit dem 8. März noch mehr auf sich hat, als nur den Sonnenaufgang auf unserer Scholle. Es ist internationaler Frauentag, und in Russland ist dies offizieller Feiertag. Entsprechend werden dann am Abend auch einige Toasts auf die daheim gebliebenen weiblichen Familienmitglieder ausgebracht. Die meisten hier haben ja zu Hause eine Familie zurückgelassen. Nun, ich trinke trotzdem den Vodka mit.
Am Montag dann ist es mal wieder an der Zeit, und ich bin wieder mit Stationsdienst dran. Es gibt wohl niemanden hier an der Station, der diesen Dienst wirklich mag. Aber es ist ja letztendlich gerecht verteilt unter all den Stationsmitgliedern. So stehe ich dann auch beizeiten auf, um meinen Dienst rechtzeitig antreten zu können. Der Koch versteht da wenig Spaß, wenn man zu spät kommt… Und große Überraschung, der Sturm ist abgeflaut, und die Wolken haben sich verzogen. Die zu dieser Zeit sichtbare Hälfte der Sonnenscheibe scheint durch das Fenster in mein Wohnhaus. Wow! Leuchtend rot-orange prangt die Sonne am Horizont. Ein Anblick auf den alle hier sehnlichst gewartet haben. Und prompt sieht man auch etliche Leute mit der Kamera umher rennen einschließlich meiner Person… Einige der Kollegen stehen aber auch einfach nur so da, und blicken ganz entrückt in die aufgehende Sonne. Nun, mir bleibt nicht viel Zeit zum Träumen, ich muss mich beeilen, um rechtzeitig in die Kajut Kompanja zu kommen. Zudem ist auch noch Banja Tag. Ich kann dem Badespass erst am späten Abend entgegen sehen. Ich teile mir dann die Banja üblicherweise mit Schenja unserem Koch. Da gibt es dann immer ein wenig zu erzählen, und man erfährt auch mal Neuigkeiten. Ist fast so ein wenig wie beim Friseur, oder?
Leider gab es dann in dieser Woche auch den ersten wirklich ernsthaften Zwischenfall an dieser Station. Am 12. März wird Sergej Kowaljew bewusstlos in seinem Haus aufgefunden. Die erste Diagnose des Doktors lässt einen Schlaganfall vermuten. Der Mann muss dringend in ein Krankenhaus. Am Abend ist soviel klar, dass Hilfsmassnahmen eingeleitet sind und spätestens am nächsten Tag ein Helikopter hier eintreffen wird. Die Stimmung liegt irgendwo zwischen sehr bedrückt und aufgeregt. Es sind noch schnell einige Arbeiten zu erledigen, um eine Hubschrauberlandung zu ermöglichen. Auch Treibstoff muss heran geschafft werden. Und tatsächlich landet ein Mi-8 Helikopter am frühen Morgen nahe der Station und ist eine halbe Stunde später schon wieder weg. Kowaljew konnte bis dahin soweit stabilisiert werden, dass er transportfähig war. Der Helikopter fliegt nach Nagurska, wo schon ein Flugzeug nach Murmansk auf den Patienten wartet. Um 13 Uhr ist Kowaljew bereits im Krankenhaus. Alle sind froh und erleichtert, dass die Rettungskette so reibungslos funktioniert hat. Auch für mich ist es gut zu wissen, dass im Notfall wirklich sofort alles Erdenkliche an Rettungsmaßnahmen eingeleitet wird. Ich hoffe natürlich, dass so etwas in den mir hier noch verbleibenden Wochen nicht erforderlich sein wird.
Wie es dennoch genau weiter gehen wird, weiß ich im Moment noch immer nicht genau. Es wird gerade darüber mit den russischen Kollegen vom AARI verhandelt. Und ich möchte den Ergebnissen nicht vorgreifen.
Fotos: Jürgen Graeser
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