Mittwoch, 09. April 2008

Polarstern: „Polarpoly“

Autor: Charlotte Lohse

...und erstens kommt es anders und zweitens als man denkt...

 

Nach 9 Wochen auf einem Forschungsschiff sehe ich mich in der Lage, etwas über Planung und Pläne zu schreiben.

Eine Forschungsreise wird lange Zeit vor Abreise geplant. Dann hat man festen Boden unter den Füßen und kämpft noch nicht mit den Unbilden der Natur. Mit Antritt der Fahrt änderte sich das schlagartig.

Wir sind am Mittwoch, dem 6. Februar mittags in Kapstadt angekommen und sollten abends um 18 Uhr auslaufen. So etwas lässt sich planen, meint der unerfahrene Teilnehmer.  Alle Fahrtmitglieder waren da und die Reise konnte losgehen. Wäre da nicht ein äußerst wichtiger Container auf Abwege geraten (siehe 1. Blog meines Kollegen Stefan). Dieser Container ist an unserer Stelle auf Reisen gegangen und wir haben in der Zwischenzeit auf ihn gewartet. Kapstadt  -->  Port Elisabeth  -->  Kapstadt. Ziehen einer Gemeinschaftskarte: „Warte im Hafen bis der Container da ist. Dann begebe dich zur Einwanderungsbehörde mit allen Wissenschaftlern. Lass Dir dort bestätigen, dass der Besuch sinnlos war. Gehe dabei  nicht über Los. Ziehe nicht 2000 € ein!“ Ankunft des Containers: Nacht von  Samstag auf Sonntag. Pläne!

Nach dieser Verzögerung wurden neue Pläne gemacht, um das umfangreiche Forschungsprogramm zu erfüllen.

Hier an Bord gibt es den so genannten „Aktuellen Plan“, mittlerweile zum „running gag“ mutiert, da der „Aktuelle Plan“ durch den „Brandaktuellen Plan“ usw. jeweils ersetzt wird.

Zum Teil wurden Pläne nur noch mündlich gemacht, da die Tinte keine Zeit zum Trocknen hatte, bevor der Plan geändert werden musste.

Der schönste Spruch der Reise lautete:  „ Es wird sowieso nicht so kommen, wie es auf dem Plan steht, den Ihr sowieso nicht lesen könnt.“ Das Computerprogramm PERPLEX war perplex und hatte wegen Überlastung bei mehreren kurzfristigen PLANÄNDERUNGEN seine Mitarbeit aufgekündigt. Pläne!

Es stellten sich uns aber nicht nur Container in den Weg. Auch Neptun und der Wettergott hatten da ein Wörtchen mitzureden. Es konnten die schönsten Verankerungen geplant werden, aber bei zu hohem Wellengang, Neptun sei Dank, wurde nichts daraus. PLANÄNDERUNG!

Also zuerst die CTD, die nicht ganz so problematisch bei Sturm ist und dann zurück auf die Position der Verankerung. Immer in der Hoffnung, dass uns Petrus dieses Mal wohl gesonnen ist und die Windmaschine schwächer einstellt.

Auf der Fahrt von Neumayer zu unseren nächsten Stationen kam eine neue Qualität ins Spiel. Eis! Eis kann man umfahren oder durchbrechen, wir sind ja schließlich mit einem Eisbrecher unterwegs. Eisbrechen kostet aber Zeit und Kraft. Die Entscheidung fiel für die Umfahrung der Eiszunge und schon hatte uns ein fieses kleines Polar Low fest im Griff mit heftigem Sturm. Ziehen einer Ereigniskarte: „Zeitverzögerung durch Gegenwind. Gehe drei Felder zurück.“  PLANÄNDERUNG! Die Antarktis hatte dann in kurzer Folge als Überraschung noch ein zweites Polar Low für uns bereit, Zeitverzögerung  -  PLANÄNDERUNG!

Also ging es doch durchs Eis. Man darf jetzt allerdings nicht glauben, dass Eisfahrt planbar ist. Das Eis stellte sich erstaunlicherweise dünner und besser durchfahrbar dar als gedacht. Wir waren an unserer Station deutlich früher als erwartet. Ziehen einer Ereigniskarte: „Strafe für zu schnelles Fahren. Zahle an alle Mitspieler 5 Stunden Extra-Schlaf.“ PLANÄNDERUNG!

Dann ging die Eisfahrt weiter mit allem was dazugehört. Es stellten sich uns massive Eisschollen oder auch Presseisrücken in den Weg bis zum völligen Stillstand für einige Stunden. Ziehen einer Gemeinschaftskarte: „Fahre keine CTD und führe keine Verankerung durch, das Eis hat das Schiff in fester Umklammerung. Setze  eine Runde aus und warte auf Besserung der Verhältnisse!“

Die Ankunft in Jubany verzögerte sich aus diesem Grund um gut einen Tag. Auf King-George-Island befinden sich eine Reihe internationaler Stationen. In der russischen warteten 8 Wissenschaftler und in der koreanischen 2. Diese zehn Personen sollten sonntags mit dem Helikopter an Bord geholt werden und 7 Wissenschaftler sollten im Gegenzug „Polarstern“ verlassen und nach Punta Arenas ausgeflogen werden. Der Flug nach Punta Arenas wurde von den Veranstaltern abgesagt und unsere sieben mussten an Bord bleiben. PLANÄNDERUNG – Dieses Mal Kammerbelegungsplan!

Ankunft  bei King-George-Island sonntags mittags im totalen Nebel. Das Schiff fuhr in die Maxwell-Bucht bis in die Nähe der russischen Station Bellingshausen. Das Radar hat „gesehen“, dass wir in Landnähe waren. Bellingshausen war, wenn sich der Nebel kurzfristig hob, zum Greifen nah. Es war aber beim besten Willen kein Flugwetter. Ziehen einer Ereigniskarte: „Warte, bis sich der Nebel lichtet oder fahre mit dem Boot. Gehe 2 Felder zurück.“  PLANÄNDERUNG!

Nachdem wir mehrere Stunden im Nebel ausgeharrt hatten, verbesserten sich die Bedingungen und die Wissenschaftler von Bellingshausen konnte abgeholt werden. Normalerweise sollte am Abend die Fahrt in die Drake-Passage beginnen. Doch da weder die Fracht von mehreren Stationen ausgeflogen, noch die beiden koreanischen Wissenschaftler abgeholt werden konnten, haben wir die Nacht in der Bucht verbracht und auf den Morgen mit besserem Wetter gewartet.

Der nächste Morgen gestaltete sich aber nicht viel besser. Nebel. Doch bei kurzfristiger Besserung der Bedingungen gelang es im Laufe des Tages, das meiste an Bord zu holen. Doch dann wurde die Sicht ohne Hoffnung auf Besserung wieder so schlecht, dass Fliegen für unabsehbare Zeit unmöglich war. Also musste der Rest der Fracht zurück bleiben und wir sind Richtung Drake-Passage abgedampft. PLANÄNDERUNG!

Die erste Station sollte mit einer Verankerung beginnen. Nach der langen und eher ruhigen Eisfahrt empfing uns Neptun mit offenen Armen und schaukelte unser Schiff bei Sturm ordentlich durch. An eine Verankerung war gar nicht zu denken. Das Deck wurde z. T. von Wellen überschwemmt und dann kann keiner mit schwerem Gerät gefahrlos draußen arbeiten. Ein Ankerstein mutiert dann schnell zur Abrissbirne. Also wieder zuerst die CTD und dann  die Verankerung. PLANÄNDERUNG!

Das „Polarpoly“ lässt sich aber noch weiter fortführen. Wir haben eine erneute Ereigniskarte gezogen: „Das Seil, an dem die Clean-CTD hängt, weist nach 1000 m einen Defekt auf. Abkappen. Gehe drei Felder  zurück und ziehe eine neue Ereigniskarte!“  Volltreffer: „Das Seil der AWI-CTD weist nach 10 m einen Kinken auf. Abschneiden und neu zusammensetzten. Dauer bis zur erneuten Benutzung 12 Stunden. Gehe 6 Felder zurück. Gehe nicht über Los. Ziehe nicht 2000 € ein.“

Das ist im Moment der Stand der Dinge und des „Aktuellen Plans“. Mal sehen, wann der „Brandaktuelle Plan“ kommt. Das kann sicher nicht lange auf sich warten lassen.

 

Ich bewundere immer wieder unseren Fahrtleiter, mit welcher zumindest äußeren Gelassenheit er auf diese Angriffen auf seine Pläne reagiert. Einer unserer Fahrtteilnehmer hatte schon den Vorschlag gemacht, seine Schreibtischkante durch einen massiven Holzkasten zu verstärken, so dass er seinen Frust an dieser neuen Kante abreagieren kann, indem er sie als Beißholz benutzt.

Auch für die restlichen Fahrtteilnehmer stellen diese PLANÄNDERUNGEN  erhebliche Anforderungen an ihre Flexibilität und bescheren ihnen so manche zusätzliche schlaflose Nacht.

Mit diesen PLANÄNDERUNGEN werden wir ganz sicher auch die kommende Woche verbringen und wir sind sicher, dass nicht die letzte Ereigniskarte lautet: „Zu spät in Punta Arenas, Heimflug verpasst.“

 
Foto: Charlotte Lohse

 

Weitere Informationen über die Expedition...


< zurück zur Übersicht