Zum Nordpol auf einer Eisscholle: Ein Lichtstreif am Horizont
Nun ist der Januar auch schon wieder zu Ende. Dabei ist Weihnachten und Neujahr kaum vorbei. So langsam rennt mir hier ein wenig die Zeit weg. Andererseits bin ich ganz froh darüber. Ich mag mir gar nicht vorstellen wollen, wenn ich hier die Zeit in tödlicher Langeweile überdauert hätte. Und fast buchstäblich ist schon Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Zum einen weil man sich in Potsdam und St. Petersburg so langsam Gedanken über meine Rückkehr macht. Das soll ja so ungefähr in 8 – 10 Wochen geschehen. Angesichts der bereits vergangenen 23 Wochen, eine recht kurze Zeit. Übrigens, meine russischen Kollegen würden mich gerne noch bis zum August hier behalten wollen... Aber vielmehr noch, es dämmert bereits. Nunja, nicht dass es schon hell währe. Aber am Wochenende konnte man bereits das erste mal einen Lichtschein, mehr erahnen als sehen. Heute Morgen, ich musste mal ein wenig früher aufstehen als gewöhnlich, war schon deutlich ein Lichtstreif am Horizont zu erkennen. Und ich behaupte sogar, ein wenig rote Farbe gesehen zu haben. Noch vermag die Dämmerung nicht den ganzen Himmel zu erhellen, aber lange wird das nun wohl auch nicht mehr dauern. Ich stelle gerade fest, dass sich auch einiges an meiner persönlichen Zeiteinteilung hier, seit Beginn dieser Expedition, geändert hat. Ich bin ein wenig durch die Tageszeit gewandert. Musste ich bei Ankunft und Aufbau dieser Station bereits früh um drei Uhr aufstehen, so ist dies jetzt die Zeit zu der ich erst zu Bett gehe. Die Experimente ziehen sich teilweise bis spät in die Nacht hinein. Die eine oder andere Ozonsondierung beginnt sogar erst nach Mitternacht. Ich persönlich kann eigentlich ganz gut mit dieser sich selbst regelnden Arbeitszeit leben. Gerade die letzte Woche war auf Grund des ruhigen Wetters sehr arbeitsreich. Da wäre jede Reglementierung äußerst unpassend gewesen. Sechs mal ist z.B. der Zeppelinballon in der vergangenen Woche aufgestiegen. Soviel wie sonst den ganzen Monat über. Ich hoffe natürlich, dass das Wetter weiterhin so stabil und ruhig bleibt. Allerdings wird es auch wieder zunehmend deutlich kühler. Gestern haben die Sonden am Boden -40 Grad gemessen. Ich mache mir so meine Gedanken. Wenn mein Ofen gut drauf ist, heizt er mein Büro locker auf +35 Grad. Das ist ein Temperaturunterschied zu draußen von immerhin 75 Grad. Wenn man sich drinnen also für die Arbeit draußen anzieht, so dauert das zum einen eine ganze Weile, aber dennoch muss man sich beeilen, so vermummt so schnell wie möglich raus zu kommen. Ansonsten wird man womöglich in seinem Anzug gekocht. Ich habe gestern am Banja-Tag ein kleines Experiment gemacht. Ich habe zum einen mein Lebendgewicht bestimmt und zum anderen mich in voller Montur auf die Waage gestellt. Fast 12kg Kleidung einschließlich Schuhen schleppe ich an mir herum, wenn ich bei diesen Temperaturen nach draußen gehe. Ist allerdings auch nötig. Derzeit ist es so kalt, dass ich sogar mein Gesicht bei der Arbeit draußen vermummen muss. Wenn das mal nicht gegen das Vermummungsgesetz verstößt...
Am Dienstag hatten wir mal wieder Besuch. Nun, wer kommt schon in dieser Gegend zu dieser Jahreszeit zu Besuch...? Ein großer Bär beehrte uns mehrmals des nächtens und in den späten Morgenstunden. Er war an meinem Ballonzelt zu Gange und untersuchte kurze Zeit später auch noch die Wetterhütte. Dies, nur ein paar Minuten nachdem der diensthabende Meteorologe dort die Thermometer abgelesen hatte. Wie ich später an den Spuren sehen konnte, ist er auch einmal mitten durch den Ort marschiert, ungefähr 30m an meinem Haus vorbei. Bei meiner späteren Arbeit am Ballonzelt mit dem Zeppelinballon war mir schon ein wenig mulmig im Magen. Vasja von der Met-Station begleitete mich, er eine schussbereite Leuchtpistole in der Tasche und ich zwei. Aber offenbar war der Bär dann am Morgen doch nachhaltig vertrieben worden. Ich hoffe ja immer noch auf derartige Besuche, wenn die Sonne aufgegangen ist, und ich dann ein paar schöne Photos und Filmaufnahmen machen kann. Im Herbst war das Wetter für gute Aufnahmen einfach zu schlecht.
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