Zum Nordpol auf einer Eisscholle: Günstige Witterungsbedingungen abwarten
Tja, Ostern ist nun gerade erst vorbei, und schon steht wieder ein neuer Beitrag an. Wie ich vernommen habe, gab es ja in Deutschland einen kleinen Ableger des hiesigen Wetters. Nun ja, ich denke, auf dem langen Weg nach Deutschland ist einiges auf der Strecke geblieben. Vor allem die Kälte… Hier gab es zu Ostern alles was die Wetterküche so zu bieten hat, von
-40 Grad Celsius bis -20 Grad Celsius „Wärme“, von Sonnenschein bis Schneesturm war alles da. Wenn man auch anmerken muss, dass die Feiertage faktisch nur im Kalender standen und dies auch nur für mich. Bei den Russen ist das Osterfest praktisch unbekannt. Aber zumindest gibt es hier zwei bis drei Leute, die schon mal davon gehört haben.
Heute ist es übrigens kein Kaffee, und auch kein Tee, der mich beim Verfassen dieses Berichtes begleitet. Vielmehr hat mich ein halber Liter Vodka auf diese Arbeit eingestimmt. Das heutige Abendessen war eine Art Festessen. Denn in dieser Monatshälfte hatten gleich zwei meiner russischen Kollegen Geburtstag. Nämlich Andrej unser Doktor wurde bereits am Wochenende ein Jahr älter und heute Vasja von der Aerologie. Und immer wieder finde ich es bemerkenswert, wie es Schenja unser Koch schafft, aus dem bescheidenen Vorrat, der ihm hier zur Verfügung steht, ein festliches Mal zu zaubern.
Kurz vor Ostern fanden ja in Potsdam die letzten Verhandlungen statt, die unter anderem meine Abreise von hier „regeln“ sollen. Die Gespräche in Potsdam sind natürlich nur die eine Seite der Medaille. Die konkrete Situation hier vor Ort ist dann doch wieder eine ganz andere, wie sich gleich zeigen wird. Zumindest gibt es erst einmal ein Zeitfenster in der zweiten Aprilwoche, in der es möglich ist, dass mich das Flugzeug des Alfred-Wegener-Instituts, die Polar-5, von hier ausfliegen kann. Das Flugzeug ist derzeit noch in Kanada stationiert, wird dann aber in der betreffenden Woche nach Longyearbyen, der „Hauptstadt“ von Spitzbergen, verlegt. Dort wird der Flieger auf günstige Witterungsbedingungen warten, um mich von hier ausfliegen zu können.
In ungefähr drei Kilometer Entfernung von der Station, wird ja seit Wochen fleißig an der Landebahn gebaut. Sie soll die Landung sowohl für das AWI Flugzeug ermöglichen als auch für weitere Flugzeuge, die aus Russland kommen sollen. Inzwischen ist die Piste weitestgehend fertig gestellt. Nur gibt es beim Bau leider immer wieder Rückschläge. So brach kurz vor Ostern ein ungefähr 100 m langes Stück der Bahn weg als sich das Eis um die halbe Scholle herum auf ca. 50 m Breite öffnete. Kurz darauf, an den Osterfeiertagen, tat sich dann am anderen Ende der Bahn ein ca. 40 cm breiter Riss auf, der die Piste um weitere 100 m verkürzte. Immer noch kein Grund zur Panik, denn die verbleibenden 950 m sollten immer noch ausreichen, um selbst ein großes Flugzeug sicher starten und landen zu lassen. Zudem wurde seit vorgestern versucht, den schmalen Riss zu reparieren. Dazu wurden große Eisstücke, bis zu einem Meter tief in den Spalt gestopft. Heute sah die „Wunde“ schon verheißungsvoll verheilt aus. Ich hatte mir selbst davon am heutigen Nachmittag ein Bild gemacht. Doch kaum hatte ich das Flugfeld verlassen, öffnete sich der Spalt wieder, und diesmal gleich auf 15 m Breite. Damit bleibt die Landebahn erst mal nur einen knappen Kilometer kurz.
Gestern wurde mir die Möglichkeit eröffnet, mittels Helikopter über „Camp BORNEO“, dies ist ein Touristen Camp direkt am Nordpol, nach Longyearbyen auf Spitzbergen zu fliegen. Eine sehr kurzfristige Offerte, die ich einfach aus zeitlichen und organisatorischen Gründen, ich hätte unter Umständen mehrere Wochen auf Camp BORNEO festgesessen bis dort die Piste präpariert ist, ausschlagen musste. Eine goldrichtige Entscheidung wie sich heute zeigen sollte, denn der Helikopterflug wurde kurzerhand abgesagt.
Es bleibt also spannend im Abreisekrimi und ganz bestimmt werden Sie in der nächsten Woche mehr darüber erfahren, hier an dieser Stelle zur gleichen Zeit.
Fotos: Jürgen Graeser
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