Zum Nordpol auf einer Eisscholle: Täglicher Bärenbesuch
Die Wochen vergehen irgendwie immer schneller. Was wohl daran liegen mag, dass ich mehr schaffen möchte, als ich dann tatsächlich tun kann. D.h. die Kaffeepausen sind immer noch sehr selten. Nun gut, die Sturmtage gaben eine kleine Verschnaufpause und Zeit zum Luftholen. Dennoch gibt es auch in meiner kleinen 12,5 qm großen Behausung genug zu tun. Insbesondere nachdem mein Kollege Vasja ausgezogen ist, versuche ich eine kleine Laborecke einzurichten. Dies ist gar nicht so einfach, wie man vielleicht zunächst denken könnte. Kann ich doch nicht einfach in den Baumarkt gehen, und mir die benötigten Teile zusammenkaufen. So muss ich denn wohl oder übel mir erst mal einen Tisch zimmern. Was mir letztlich, wenn auch mit großem zeitlichen Aufwand, ganz gut gelingt. Dabei kommt mir zu gute, dass dann doch der Sturm nachlässt und ich die Sägearbeiten vor der Tür ausführen kann.
Und es dauert nicht lange, da erschallt ein Pfiff von der benachbarten meteorologischen Station. Ein Eisbär ist bis auf gut 50m an mein Haus herangekommen. Und ich habe es wirklich nicht bemerkt. Ich bin einigermaßen besorgt. War es zum Beginn der Expedition noch so, dass ein Eisbärenbesuch neugierig erwartet wurde, so macht sich nun zunehmend Besorgnis breit. Man sollte sich klar machen, dass wir hier nicht im Zoo sind und uns Gitter und Barrieren von den Tieren trennen. Und inzwischen vergeht kaum ein Tag ohne Eisbärensichtung. Heute besuchte uns eine Eisbärenfamilie gleich dreimal im Laufe des Tages. Auch wenn die Tiere aus der Entfernung niedlich anzusehen sind, so sind sie gerade auf die kurze Distanz die sie hier herankommen, dennoch ernorm gefährlich. Dies trifft insbesondere auf die Weibchen zu, die mit ihren Jungen unterwegs sind. Nicht ohne Grund hängt in der Mitte des Stationsgeländes ein geladenes Gewehr draußen an einer Hauswand. Ein weiteres in der Messe und noch eines in der Meteorlogischen Station. Ich will nicht sagen, dass ich mich fürchte, aber einigen sehr großen Respekt habe ich schon. Und den sollte man wohl auch haben und äusserste Vorsicht walten lassen. Soviel zum Thema kleiner knuddeliger Knut...
Wo ich hier gerade so durch mein Zimmer streife... Ein Phänomen, was mir bisher nur aus Erzählungen bekannt war. Und zwar ist dies der enorme Temperaturgradient zwischen Boden und Decke. Das Haus steht ja auf Kufen, und der Boden somit im Freien. Der Ofen heizt den ganzen Tag so vor sich hin. Da kann es schon mal passieren, dass man an den Füssen gerade mal 10 °C hat und unter der Decke 30 °C flimmern.
Am Wochenende beginne ich mit dem Aufbau des Ballonhangars. Zunächst baue ich ein genügend großes Fundament in den Schnee. Am Montag dann der Grosse Tag, und das 50qm im Grundriss messende und fast 4m hohe Gebäude wird aufgeblasen. Anders al bei gewöhnlichen Zelten gibt es bei diesem Hangar kein Metallgestänge. Diese Funktion übernehmen dicke eingebaute Schläuche. Man kann sich dies ein wenig wie eine aufgeblasene Luftmatratze vorstellen. Der erste Versuch schlägt gründlich fehl. Mir steht der Angstschweiß auf der Stirn. Scheint doch das ganze Projekt gefährdet. Das Zelt lässt sich einfach nicht aufstellen. Immer wieder sackt es in sich zusammen. Es kommt einfach nicht genug Druck in die Kammern. Dann der rettende Gedanke... Die Stromversorgung für den Kompressor ist nicht ausreichend. Das Stromnetz ist hier nicht besonders stabil. Und tatsächlich.. ein eilends herbeigeschaffter Notstromgenerator bringt genügend Power und in wenigen Minuten steht der Hangar. Das Zelt ist wirklich eher ein Hangar. Es ist so groß, dass unser Chefmechaniker gerne gleich mit seinen Traktoren hineinfahren wollte. Einen Tag später wird auch das Ballongas zur Halle geschafft und nachdem alles vertäut, abgespannt und die Ballonfüllanlage aufgestellt ist, ist die Startstelle erst mal einsatzbereit. Ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu dem geplanten Observatorium. Die Empfangsanlage mit allen ihren Antennen bereits am Wochenende aufgebaut. Bleiben jetzt nur noch letzte Arbeiten im Labor zur Vorbereitung. Diese beginne ich gemeinsam mit meinem russischen Kollegen Vasja, der mich künftig bei dem Messprogramm begleiten wird. Das Labor ist natürlich immer noch ein kleines Provisorium. Ist doch der kleine Raum, der mir zur Verfügung steht gewissermaßen Personalunion für Lager, Schlafstatt und Labor. Da muss man sich schon einigermaßen gut organisieren, damit man hier nicht im Chaos untergeht. Was gelegentlich dann doch schon mal passieren kann...
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