Mittwoch, 30. Januar 2008

Polarstern: Wunderbare Erlebnisse, nachgereicht aus gutem Grunde

Autor: Olli Sachs, Alfred-Wegener-Institut

Es gibt Tage, da weiss man gar nicht wie man anfangen soll. Vor ein paar Tagen gab es eine Folge von Ereignissen, die man gar nicht so einfach beschreiben kann. Es fehlen schlicht die Worte dafür. Jener Tag hat sich unauslöschlich in mein Leben eingebrannt. Genauso - vielleicht noch mehr - wie die Begegnung mit den Pinguinen an der Schelfeiskante. Doch erst einmal der Reihe nach:

 

Ich war beim Datenauswerten, als die Durchsage: „Bitte ganz ruhig bleiben...voraus ist ein Wald von Walblas“ von unserem zweiten Offizier Holger ertönte. Mein Kammerkollege Eberhard und ich schnappten uns unsere Fotoapparate und begaben uns zügig auf den Weg zur Brücke. Es waren schon einige Leute da, und im ersten Moment fiel mir auf, dass wir uns in einem Eisbergfeld befanden und viele Vögel zu sehen waren. Ich nahm mir eines der Ferngläser und suchte den Horizont ab. Was sich da abspielte, war einfach unglaublich. Wale und Walblas, so weit das Auge reichte. Und wir hielten direkt darauf zu! Da waren Einzeltiere und kleine Gruppen von 3 oder 4, nicht selten auch bis zu 8 Walen unterwegs. Rückenflossen, Brustflossen, Fluken und Köpfe tauchten immer wieder aus dem Wasser auf. Manchmal auch ein halber Walleib, der aus dem Wasser sauste und Gischt spritzend wieder in der dunklen See verschwand. Vor ein paar Tagen war ich noch traurig, die ‚springenden’ Wale nicht gesehen zu haben. Heute wurde ich Zeuge eines wunderbaren Naturschauspiels. Bram und Jan, die normalerweise die Seevögel und Säugetiere vom Peildeck aus zählen, haben bei 52 aufgegeben. Es war einfach unmöglich, alle Wale zu zählen. Nach ihren späteren Angaben müssen es weit über hundert Buckelwale gewesen sein. Und sie kamen immer näher. An Steuerbord und Backbord zogen meist Grüppchen von zwei oder drei Tieren vorbei. Aus mir rätselhaften Gründen klatschten sie immer wieder mit der Fluke oder gar mit dem ganzen Körper auf die Wasseroberfläche. Wenn es Momente gibt, an denen man vor Glück heulen könnte - dieser war ganz gewiss einer.

 

Ich habe gefilmt und fotografiert, was das Zeug hielt. Aber das bewegende Gefühl beim Anblick dieser majestätischen Tiere, die Gänsehaut die man zwangsläufig bekommt, wenn man das typische pfeifende und zischende Atemgeräusch hört, diese Eindrücke kann man niemals in einem Foto oder Film festhalten. Darum habe ich die Knipserei irgendwann aufgegeben und dieses Schauspiel einfach nur genossen. Erst als ich mich verspätet zum Mittagessen aufmachte, realisierte ich, dass ich völlig durchgefroren war.

 

Den ganzen Nachmittag sind immer wieder Buckelwale aufgetaucht, aber nicht mehr in dieser Anzahl. Dieses Ereignis war natürlich das Tagesgespräch an Bord. Von den langjährigen Besatzungsmitgliedern habe ich gehört, dass sie so etwas in ihrer ganzen Dienstzeit noch nicht erlebt haben. Der Abschluss dieses unglaublichen Tages bildete ein schneeweißes, surrealistisch geformtes Märchenschloss. Dieser wunderschöne Eisberg mit seinen zwei spitzen Türmen, den beiden Plateaus, seinem Innenhof mit Tor und seinem Halbkreis in der Mauer zog langsam an Polarstern vorbei und war für mich Symbol eines Tages, der sich vermutlich nur einmal im Leben ereignet.

 

Im wissenschaftlichen Meeting am Abend wurde beschlossen, dass wir diese heutige Beobachtung ohne Positionsangabe bekannt geben werden. Der tiefere Sinn dieser Maßnahme liegt im Schutz dieser wunderschönen Meeressäuger. Wir wollen verhindern, dass Walfangflotten auf unsere Walgemeinschaft aufmerksam werden. Eine Veröffentlichung ohne Bekanntgabe der genauen Position erschien uns als die beste Methode, die Wale zu schützen und gleichzeitig dieses wundervolle Erlebnis mit allen zu teilen, denen das Leben im Meer wie uns am Herzen liegt.

 

Fotos: A. Brandt, Universität Hamburg

 

Weitere Infos zur Polarstern-Expedition ANT-XXIV/2...


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