Polarstern: Packeis ist packend...
Mittwoch früh haben wir das Eis erreicht. Keine Frage: Packeis ist packend. Ein faszinierendes Schauspiel, wenn sich die Polarstern durch das Eis schiebt. In jeder freien Minute stehe ich auf dem Peildeck und schaue mir die vorbeiziehenden Eismassen an. Die drei Belgier an Bord haben einen ungewöhnlich klingenden Job: Sie zählen mit bloßem Auge, Fernglas und Spektiv alles, was sich vor ihrer Linse bewegt: Vögel, Wale, Robben,… Es handelt sich um ein über viele Jahre angelegtes Beobachtungsprogramm, in dem Veränderungen in den Tierpopulationen analysiert werden. Bisher stand den Dreien die meiste Zeit ein großes Gähnen ins Gesicht geschrieben. Nun im Eis ist an Schlaf nicht zu denken. In der Hoffnung auf einen Eisbär, verbrachte ich einen Großteil des Tages an Deck. Natürlich wurde prompt ein Eisbär in nur 50 Meter Entfernung vom Schiff gesichtet, als ich für kurze Zeit unter Deck war! Das Leben ist einfach ungerecht.
Wir sind inzwischen an der Küste von Grönland bei 74° Nord angekommen. Heute Nacht ist der Arbeitskreis für Planetare Geodäsie von der Technischen Universität Dresden mit zwei Hubschraubern aufs Festland geflogen. In ihren Ausrüstungskisten steckten GPS-Geräte. Nicht solche, wie sie in Autos verwendet werden, sondern High-Tech-Geräte, mit denen GPS-Koordinaten auf Millimeter genau bestimmt werden können. Da diese Hochpräzissionsgeräte ihre Messwerte nicht einfach auf Kommando ausspucken, wird man in etwa 4 Wochen im 2. Fahrtabschnitt wieder an der selben Stelle vorbeikommen und die Koordinaten ablesen. Die Forscher wollen in den nächsten Jahren Veränderungen der Erdkruste hier an der Ostküste von Grönland exakt vermessen. Aufgrund des zurückgehenden Eises seit der letzten Eiszeit hebt sich die Erdkruste Jahr für Jahr um wenige Millimeter. Mithilfe der gemessenen Anhebung soll das Volumen der Eismassen des letzten glazialen Maximums abgeschätzt werden. Für diese Arbeit sind in den nächsten Tagen noch zwei weitere Flüge aufs Festland geplant.
Mittlerweile sind die Arbeiten von allen wissenschaftlichen Gruppen an Bord angelaufen. Und so langsam bekomme ich einen Überblick, über die einzelnen Forschungsprojekte. Da es den ganzen Tag hell ist und Tag und Nacht gearbeitet werden kann haben viele Wissenschaftler und Mitglieder der Schiffsbesatzung sehr unregelmäßige Schlafzeiten. Deshalb gibt es an Bord eine sehr einfache und sehr praktische Regelung: Kajütentüren an Bord bleiben grundsätzlich offen. Egal, ob man in seiner Kajüte ist oder nicht. Außer, man will nicht gestört werden, dann ist die Tür zu. Fertig. Und eine geschlossene Tür hat respektiert zu werden.
Die nächste Runde unseres Arktis-Quizes (PDF 645 KB) wird eingeläutet und es geht ans Eingemachte…
Liebe Grüße aus dem Meereis,
Henning Pulz
Fotos: Henning Pulz/Heidehof-Gymnasium Stuttgart, Elke Möller-Bertin/Radio Bremen
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