Einleitung
- Im Norden der Republik Komi. Eine Gruppe von Rentierhirten kommt mit ihren Schlittenzügen an einem neuen Lagerplatz an. Foto: J. O. Habeck, April 1999
In weiten Teilen Nordamerikas, Nordeuropas und Nordasiens haben Menschen seit Jahrtausenden Rentiere gejagt und gezüchtet. Auch im 21. Jahrhundert sind Rentierhaltung und -jagd für viele Bewohner des Hohen Nordens ein wichtiger wirtschaftlicher und auch kultureller (identitätsstiftender) Faktor. Wenngleich sich die ökologische Beziehung zwischen Rentier und Mensch im Laufe der langen Entwicklung als sehr wandlungsfähig erwiesen hat, stellen die derzeitigen - teilweise rapiden - sozioökonomischen und klimatischen Veränderungen im Hohen Norden eine besondere Herausforderung dar. Wie das System Rentier-Mensch auf diese Veränderungen reagiert, ist Gegenstand dieses Forschungsprojekts, welches zugleich auch generelle Erkenntnisse über sozioökonomische, kulturelle und Umweltbeziehungen im Hohen Norden liefern soll.
Mit diesem Auftrag reist ein Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im März 2007 in den zentralen Teil der Halbinsel Kola (im Nordwesten der Russischen Föderation), um über einen Zeitraum von zunächst einem Jahr (d.h. durch die vier Jahreszeiten) eine Rentierherde während ihrer Migration durch die Tundra zu begleiten und die Interaktion zwischen Mensch und Rentier zu beobachten, so zum Beispiel den Übergang von den Winter- zu den Sommerweiden, das Hüten der Tiere während des Kalbens, aber auch die Auswahl der zu schlachtenden Tiere und ihrer Vermarktung.
Um die nötige Mobilität zu gewährleisten, werden die Forscherinnen und Forscher auf ein bewährtes Mittel zurückgreifen: das Zelt. Damit wird das Funktionieren der Forschungsstation der nomadischen Technologie der Rentierhalter angepasst. Die für die Forschung notwendige Ausrüstung (Generator, Computer, Transportmittel, Kleidung, Schlafsäcke usw.) steht bereit, es sind jedoch noch logistische Probleme bei der Datenübertragung und Telekommunikation zu lösen.
Über die "rein" wissenschaftliche Komponente hinaus, verfolgt das Projekt auch einen pädagogischen und einen praktischen Ansatz: Studierende der Universität Murmansk und eine Lehrerin oder ein Lehrer aus einem EU-Land sollen zeitweilig an der Arbeit des Forschungsteams teilnehmen. Regelmäßig werden Fotos und Tagebucheinträge im NOMAD Blog präsentiert. Das Team wird sich zudem an den Anregungen und Bedürfnissen der in der Nachbarschaft lebenden Rentierhirten orientieren, ihr Wissen und ihre Kompetenz in das Forschungsprojekt mit einbeziehen, und die Probleme, Strategien und Erwartungen dieser Rentierhalter einer breiten internationalen Öffentlichkeit vermitteln.
(Joachim Otto Habeck, 20. Februar 2007)
Ein Vortrag von Dr. J. O. Habeck zum Thema: NOMAD_Praesentation.pdf (920 KB)
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