ANDRILL: Frühjahrssturm
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Gestern Nachmittag frischte der Wind merklich auf, den ganzen Tag hatte es bei recht milden Temperaturen um -9 °C schon geschneit. Während das Wetter zunächst noch angenehm winterlich war und ich meinen Abendspaziergang um den Observation Hill plante, kam ich dann zwischen 21 und 22 Uhr kaum gegen die Böen und den Schnee an. Es war aber trotz des Windes nicht kalt und ich konnte meine geplante Tour machen, ohne Umkehren zu müssen. Teilweise war aber kräftiges Anstemmen gegen den Wind notwendig und ich musste teilweise in die Knie gehen und die Füße in den lockeren Boden stemmen, als würde ich an einem steileren Hang gehen. Die Sicht lag zwischen 10 und 30 m, dadurch war die Orientierung kein Problem. Als ich zurück in der Station war, kam mir der Wind dort vergleichsweise schwach vor. Nach kurzer Zeit mit Kollegen im Kaffeehaus teilte uns die Barfrau allerdings mit, dass wir gehen müssten, weil in Kürze Wetterkondition I erreicht würde und dann niemand mehr die Gebäude verlassen darf. Severe Weather Condition I: which is defined by one or more of the following conditions: wind speeds greater than 55 knots (= 102 km/h) sustained for one minute, wind chills colder than -100 F (-73,3 °C) sustained for one minute, or visibility of less than 100 feet (30,5 m) sustained for one minute. Tatsächlich wurde die "Condition I" erreicht und niemand durfte mehr nach draußen. Das ist bisher in McMurdo selbst nur selten aufgetreten, begründet wohl hauptsächlich durch die geringe Sichtweite und den Wind.
Mittlerweile ist die Bohrung bis auf über 500 m Tiefe unter dem Meeresboden vorgedrungen. Die Bildung der Sedimente steht meist noch in Zusammenhang mit glazialen Prozessen, d.h. es sind geschichtete sowie völlig unsortierte, mit Steinen vermischte Sande. Das könnte bedeuten, dass der Meeresspiegel tiefer gelegen und der heutige Bohrplatz die damalige Küste war. Es gibt aber auch Ablagerungen aus einer wärmeren Zeit mit höherem Meeresspiegel, die durch Feinsedimente und Mikroskelette von Plankton, aber auch durch Muschelschalen dokumentiert sind. Durch Vergleich mit der Bohrung von vergangenem Jahr (ANDRILL MIS) könnte das Alter der zuletzt erbohrten Kerne bei über 16 Mio Jahre liegen. Wie bei Bohrungen üblich, gibt es auch Schwierigkeiten wie beispielweise das Einströmen von unverfestigtem Sand in das Bohrloch, die Probleme gehören aber zum Alltagsgeschäft der Bohrcrew und werden gelöst.
Morgen wollen wir endlich zur Bohrstelle auf das Meereis fahren, wir hoffen alle, dass das Wetter sich bessert und wir tatsächlich los können.
Fotos: Rainer Lehmann
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